iPhone-Reparaturen: Apples Vertragsbedingungen angeblich "übergriffig und erdrückend"

Apples bislang lediglich in den Vereinigten Staaten verfügbares Programm zur Zertifizierung von unabhängigen Reparaturdienstleistern sorgt bei diesen für Unmut. Um vom kalifornischen Konzern mit Ersatzteilen, speziellen Werkzeugen und Handbüchern beliefert zu werden, müssen sie Verträge abschließen, welche Apple weitgehende Rechte einräumen, und das weit über das mögliche Ende der Geschäftsbeziehung hinaus.


Apple will unangekündigt kontrollieren
Die Teilnehmer am "Independent Repair Provider Program" müssen sich unter anderem verpflichten, ausschließlich Original-Ersatzteile von Apple in ihren Betrieben vorzuhalten. Das geht aus Unterlagen hervor, welche Motherboard vorliegen. Der iPhone-Konzern räumt sich in diesem Zusammenhang das vertragliche Recht ein, unangekündigte Kontrollen durchzuführen, um die Einhaltung dieser Klausel zu überprüfen. Bei Verstößen werden Strafzahlungen fällig, darüber hinaus darf Apple den Verträgen zufolge in den Werkstätten gefundene nicht näher spezifizierte "verbotene Ersatzteile" beschlagnahmen. Diese sehr allgemein formulierte Klausel stellt viele Dienstleister vor erhebliche Probleme, da sie in aller Regel neben iPhones auch andere Smartphones reparieren. Zudem sind derartige Inspektionen auch noch bis zu fünf Jahre nach Beendigung der Geschäftsbeziehung möglich.

Daten der Kunden gehen an Apple
Weitere Klauseln erregen ebenfalls Unmut. So müssen Kunden, die einen zertifizierten unabhängigen Reparaturservice in Anspruch nehmen, eine spezielle Vereinbarung unterschreiben. In dieser versichern sie, sich darüber im Klaren zu sein, dass der Service nicht von Apple durchgeführt wird und der kalifornische Konzern keine Garantie auf die Reparatur gewährt. Außerdem müssen die Reparaturdienstleister die Kontaktdaten aller Kunden an Apple übermitteln, insbesondere Namen, Anschriften und Telefonnummern.

"Übergriffig und erdrückend"
Von Motherboard befragte Juristen bezeichneten Apples Vertragsbedingungen als "übergriffig" und "erdrückend". Kit Walsh, ein für die Electronic Frontier Foundation tätiger Anwalt sagte, Apple räume sich in den Kontrakten das Recht ein, potenziell existenzgefährdende Geldstrafen zu verhängen. Serviceunternehmen, die neben iPhones auch andere Smartphones reparieren, sollten sich über das Risiko im Klaren sein, welches sie bei einem Vertragsabschluss mit Apple eingingen. Das kalifornische Unternehmen wollte sich nicht zu den detaillierten Bedingungen äußern. Man sei aber mit allen Beteiligten im Gespräch und werde die Formulierungen gegebenenfalls anpassen. In Deutschland bietet Apple bislang kein Zertifizierungsprogramm für unabhängige Reparaturbetriebe an.

Kommentare

Eventus
Eventus07.02.20 11:48
Naja, für die Reparaturdienstleister, die wirklich ehrlich einen guten Kundendienst anbieten würden, sind die Regelungen tatsächlich unnötig streng. Aber wenn man sich aus Kundensicht anschaut, wie schlitzohrig viele arbeiten und Kunden angebliche Originalteile unterjubeln, bin ich um die Strenge Apples froh.
Live long and prosper! 🖖
+2
Wiesi
Wiesi07.02.20 12:00
Die prohibitiven Vorschriften machen aus jedem unabhängigen Reperaturdienstleister einen abhängigen. Daß Apple Original-Ersatzteile an unabhängige Dienstleister liefert, ist mithin ein Widerspruch in sich!
Everything should be as simple as possible, but not simpler
+4
beanchen07.02.20 12:07
Hat halt wie vieles zwei Seiten. Als Kunde muss ich darauf vertrauen können, wenn Apple zertifiziert dran steht auch nach deren Vorgaben und mit deren Teilen repariert wird. Leider geht so was ohne Kontrolle und Strafandrohung heutzutage kaum noch.
+8
macs®us
macs®us07.02.20 12:27
So was ähnliches hatten wir zu Mac II Zeiten schon mal.
Ich arbeitete bei einem Händler der Macs und IBM PCs verkaufte.
Wir mussten je eine eigene Eingangstüre für die jeweiligen Ausstellungsräume haben.
Man durfte vom Mac Raum aus ja kein anderes nicht Apple Produkt sehen.
Ein Fotograf sollte wie ein kleines Kind sein, das die Welt jeden Tag von neuem entdeckt.
+8
sierkb07.02.20 12:35
The Verge (06.02.2020): Apple’s contract for indie repair shops is so invasive that some refuse to Vice got its hands on the contract

Motherboard/Vice (06.02.2020): Apple’s Independent Repair Program Is Invasive to Shops and Their Customers, Contract Shows
The contract states independent repair shops must agree to audits and inspections by Apple, even if they leave the program.

OSNews (06.02.2020): Apple’s independent repair program is invasive to shops and their customers, contract shows
OSNews
Nobody should be surprised by this. The only reason Apple announced this half-hearted program in the first place is to try and take the wind out of the sails of right to repair legislation, which is being proposed all over the US (and beyond), and the terms of this contract only further confirm that.

As for the privacy aspect and Apple wanting all that very private user information – if you still think Apple cares about privacy, you really haven’t been paying attention.

heise (07.02.2020): Freie Werkstätten: Apple verfügt strikte Auflagen für Reparaturprogramm
Wer offizielle Ersatzteile will, erlaubt im Rahmen des "Independent Repair Provider Program", dass Apple jederzeit vorbeischauen kann. Und das ist nicht alles.
heise
Apples neues Reparaturprogramm für Betreiber freier iPhone-Werkstätten geht mit strikten Bestimmungen einher. Das berichten amerikanische Anwälte, die die entsprechenden Verträge zur Einsicht nehmen konnten. Das Regelwerk sei "belastend" beziehungsweise sogar "verrückt", sagten die Juristen gegenüber dem IT-Blog Motherboard, dem die Dokumente vorliegen.
[…]
Inspektionen und Strafzahlungen

In dem Vertrag steht unter anderem, dass Apple und seinen Vertretern das Recht eingeräumt wird, unangekündigt vorbeizusehen, um einen "Audit" beziehungsweise "Inspektionen" in der freien Werkstatt durchzuführen. Die Werkstätten dürfen keine "verbotenen Produkte" nutzen. Darunter fallen "gefälschte Teile" sowie "Produkte und Dienste, die das geistige Eigentum von Apple verletzen". Weiterhin darf Apple "verbotene Produkte" auch "einziehen". Da viele freie Werkstätten nicht nur Apple-Produkte reparieren, kann das zum Problem werden.

Werden bei den Audits "verbotene" Reparaturkomponenten entdeckt, können Strafzahlungen die Folge sein. Diese liegen bei "1000 US-Dollar für jede Transaktion während der Prüfperiode", solange mehr als zwei Prozent der Transaktionen "verbotene Produkte" beinhalten. Verlässt ein freier Reparateur das Programm, endet diese Verpflichtung noch nicht. Inspektionen seien dann noch fünf weitere Jahre lang erlaubt. Weiterhin müssten Kundendaten mit Apple geteilt werden, darunter Name, Telefonnummer und Anschrift.

"Werbung gegen sich selbst"

Bevor eine Reparatur beginnen kann, müssen Kunden außerdem unterschrieben, dass sie wissen, dass die Reparatur nicht von einem ASP kommt und Apple keine Garantie für diese übernimmt. Das sei so, zitiert Motherboard einen "Right to Repair"-Aktivisten, als müssten die freien Werkstätten "Werbung gegen sich selbst" machen.

Ein von Motherboard interviewter Rechtsprofessor kommentierte, die Regelung gebe Apple sehr viel Macht, gegen Firmen vorzugehen, die den Vertrag unterzeichneten. Die Sprache sei "subjektiv und mehrdeutig" und enthalte "sehr breite Definitionen". Apple hatte lange gegen ein "Right to Repair" gekämpft und sich schließlich im vergangenen August entschieden, erstmals Ersatzteile an freie Werkstätten auszugeben. Zunächst lief hier ein Pilotprogramm in den USA – ein weltweiter Rollout scheint jedoch geplant.
[…]
-2
sierkb07.02.20 12:45
Zudem im Zusammenhang mit Reparatur, Ersatzteilen, Neukauf:

Spiegel (07.02.2020): Drosselung älterer iPhones: Frankreich verhängt Millionenstrafe gegen Apple
Die mangelhafte Information von Kunden kostet Apple in Frankreich eine hohe Geldstrafe. Das Unternehmen hatte ältere iPhones nach Updates künstlich verlangsamt ohne dies mitzuteilen.
0
Wurzenberger
Wurzenberger07.02.20 13:27
MTN
Außerdem müssen die Reparaturdienstleister die Kontaktdaten aller Kunden an Apple übermitteln, insbesondere Namen, Anschriften und Telefonnummern.
Datenschutz? Was?
+5
sioh07.02.20 13:48
Wobei man festhalten muss das es hier nicht um zertifizierte/Vertragswerkstätten geht sondern dieses Programm ist gerade an freie Werkstätten gerichtet. Vertragswerkstätten sind wieder etwas anderes (stehen eben unter Vertrag).
Es ist eine Reaktion auf die Bestrebungen (in Kalifornien?) Gerätehersteller zur Nachhaltigkeit zu erziehen.
+3
bit.trash
bit.trash07.02.20 15:47
maximal unsymphatisch. das ist doch reine abschreckung und fuhrt dazu das man lieber weiter über aliexpress die nachgebauten ersatzteile bestellt.
unangekündigte inspektion auch jahre nach ende des abschlusses, datenweitergabe, …srly … niemand wird das machen
+5
Appletiser
Appletiser09.02.20 18:33
An solchen Stellen muss m.M.n. dann doch die Politik eingreifen. Wenn Firmen bewusst eine fachgerechte, freie Reparatur verhindern und quasi Knebelverträge aufsetzen, dann muss da entsprechend eingeschritten werden. Erst recht, wenn hier auch noch Kundendaten "gehandelt" werden sollen.

Und von der Qualität der Apple-Originalteile muss man jetzt auch nicht immer glauben, dass diese wirklich toll wären.

Bei meinem mittlerweile 9 Jahre alten MacBookPro Retina zeigte der original Akku bereits nach knapp drei Jahren erhebliche Leistungseinbußen mit Fehlfunktionen. Eine Reparatur bei Apple mit fast 350,- EUR habe ich damals gescheut und den Rechner daher lange Zeit nur mit Netzteil genutzt. Irgendwann war mir das aber dann doch zu blöd und ich habe mir einen 80,- EUR Ersatz-Akku bestellt, dann den Akku mit selbst erstellten Spezialwerkzeugen fachgerecht ausgetauscht. Dieser No-Name-Akku hält mit gut fünf Jahren schon länger als das Original und bisher ohne Leistungseinbußen – bis zu drei Stunden Akkubetrieb sind möglich!
Was soll man dazu sagen, außer dass ich fast 300,- EUR gespart habe.

Als ausgebildeter Feinmechaniker mit Elektronikkenntnissen halte ich mich selber auch als ausreichend qualifiziert solche Reparaturen beurteilen und auch fachgerecht durchführen zu können. Nein, ich brauche dazu auch keine weitere Bestätigung von Apple dazu.

Noch ein weiteres Beispiel – trotz fehlender offizieller Apple-Zertifizierung, arbeitet ein von mir reparierter Xserve von 2009 dank eines Raid-Akku Nachbaus seit 4 Jahren klaglos beim Kunden weiter. Solche Reparaturen hätten offizielle Apple-Service-Provider selbst wohl nicht mehr ausgeführt. Allein weil sie die Originalteile auch nicht mehr von Apple bekommen hätten und sie wären wohl kaum zum Kunden gefahren und hätten die Reparatur direkt vor Ort ausgeführt. Und als ich damals (ca. 2016) dazu direkt bei Apple anrief, wusste man dort nicht mal was mit dem Begriff Xserve anzufangen… Aua.

Was ich damit sagen will. Für den Austausch von Komponenten brauche ich keine Heiligsprechung durch einen Hersteller oder die Erlaubnis dieses tun zu dürfen.
Die Hersteller müssen also noch viel stärker entsprechenden Regulatorien unterworfen werden, die Produkt nach den Prinzipien der Reparierbarkeit zu konstruieren und darüber hinaus jedem Besitzer die Möglichkeit geben Original-Ersatzteile erwerben zu können, solange das Produkt offiziell supportet wird.

Datzu noch ein Beispiel. Vor Jahren bin ich zu einer Vertragswerkstatt eines namhaften Automobilherstellers gefahren und habe dort einen kompletten Ersatzblinker mit Schalterwippe, etc. erworben. Keine Nachfrage und natürlich habe ich diesen auch selber eingebaut. Diese Möglichkeit verlange ich von Apple und anderen IT-Herstellern auch. Ich möchte dort gezielt Ersatzteile kaufen können ohne mich in irgendeiner Art rechtfertigen zu müssen, ob nun als Privatmenschen oder auch Dienstleister.

Es liegt doch letztendlich in meiner Verantwortung, wenn ich diese Ersatzteil entweder nur für mich oder auch im Rahmen einer Dienstleistungen weiter verkaufe. Ich trete dabei nicht für Apple auf und damit würde auch kein Kunde der Welt hinterher Apple dafür verantwortlich machen, wenn meine Reparatur nicht geglückt wäre. Das sind alles fadenscheinige Argumente.

Ob dieses Gebaren selber nun nur Apple betrifft oder es einfach branchenspezifisch ist, kann ich jetzt nicht beurteilen, doch bin ich der Meinung, dass die Hersteller verpflichtet werden müssen das Recht auf Reparierbarkeit ohne Einschränkungen zu gewährleisten.
+3
Bachsau
Bachsau11.02.20 15:34
Ehrlich, auf diesem Markt wird so viel Mist gebaut, da finde ich es völlig angemessen und sogar vorbildlich, klare Vorgaben zu machen und streng zu kontrollieren. Wenn ich mein iPhone einem von Apple zertifizierten Dienstleister anvertraue, dann möchte ich auch sicher sein, dass nicht irgendein hochexplosiver Fake-Akku verbaut wird. Pfuscher gibt's ja nach wie vor, aber wer mit dem Apple-Logo wirbt, der muss sich auch den Regularien unterwerfen.
+1

Kommentieren

Sie müssen sich einloggen, um die News kommentieren zu können.