Apples alte Interface Guidelines beschreiben schlechtes UI-Design: macOS Tahoe


Apples "Human Interface Guidelines" (HIG) aus dem Jahr 1992 mögen reichlich betagt sein und aus der Zeit von Schwarz-/Weiß-Darstellung stammen, vieles daraus gilt aber weiterhin. Früher war Apple dafür bekannt, enorme Sorgfalt selbst in winzige Details der Oberfläche zu stecken. Es ging weniger um Effekthascherei, sondern um klare Verständlichkeit von Layout, Beschriftungen und Symbolen. In den letzten Jahren war hingegen immer häufiger zu erkennen, dass derlei Prinzipien nicht mehr den höchsten Stellenwert haben – Howard Oakley ließ sich darüber unlängst aus (
Artikel). Der UI-Designer Niki Tonsky geht in einem lesenswerten
Blogbeitrag nun darauf ein, gegen welche zentrale Prinzipien Apple in Tahoe verstößt, legt man besagte Interface Guidlines zugrunde.
HIG 1992 beschreiben Tahoe – als NegativbeispielApple versah die damalige Dokumentation mit vielen Beispielen, wie Oberflächen nicht aussehen sollten – die Negativbeispiele für schlechte Menügestaltung seien allerdings genau das, was man jetzt in Tahoe vorfindet. Apple führte nämlich Icons für praktisch jeden Menüeintrag ein, was allerdings dazu führe, weniger statt mehr Übersicht zu schaffen. Wenn einfach jedes Element nun über ein einfarbiges Symbol verfüge, stehe gar nichts mehr heraus. Zumindest wichtige Befehle hätte man mit Farbe versehen müssen.


Apple 1992, Sequoia, Tahoe... und ein Verbesserungsvorschlag Jede App anders, Icons mehrfach verwendetAllerdings zeigen sich noch weitere Probleme, denn anscheinend gibt es bei Apple keine zentralen Leitlinien für App- und Systemgestaltung mehr. Jedes Programm baue auf etwas andere Menüs und Icons – was dazu führe, dass identische Symbole in einem anderen Apple-Programm gänzlich andere Funktionen auslösen. Ein absolutes No-Go befand Apple einst, um davon jetzt reichlich Gebrauch zu machen. Der Stift auf Papier ist hier "Neuer Eintrag", dort dann "bearbeiten", teils verwendet Apple aber auch ein Plus im Quadrat (in unterschiedlichen Ausführungen) für neue Inhalte. Für "Öffnen" konkurrieren sechs Symbole, der Speichern-Button kann indes auch "Import" oder "Update laden" bedeuten. Wenn dann sogar identische Symbole für verschiedene Funktionen im selben Menü direkt untereinander auftauchen (z.B. Passwort eingeben und Zugriffsrechte bearbeiten), reduziert das die Sinnhaftigkeit enorm. Finde Apple einmal kein Icon, so wird es noch schlechter, denn dann setzte man sogar das vertikale Alignment außer Kraft:

Zufällige Piktogramme, kaum selbsterklärendApple warnte 1992 zudem davor, zufällige Symbolik zu verwenden, was man jetzt aber ausführlich tut. Im gleichen Menü bedeutet der Pfeil von links nach rechts "Aktuelle Größe", von rechts nach links aber "Vollbild". "Seitenleiste verstecken" und "Thumbnails" weisen die identische Gestaltung auf, unterscheiden sich nur durch die Anzahl der Punkte im Bildchen. Der Radius des Pfeils bestimmt außerdem, ob man "Undo", "zurücksetzen auf" oder "letzter Eintrag" auswählt, die Dicke des Stifts unterscheidet zwischen "Umbenennen" und "Hervorheben".
Schwer erkennbar, weitere Verstöße gegen eigene HIGDie Liste an Kritikpunkten reißt aber nicht ab. Zu allen genannten Schwächen geselle sich noch die Entscheidung hinzu, zwar alles mit Icons zuzukleistern, diese aber gleichzeitig so winzig zu gestalten, dass auch bei theoretischer Unterscheidbarkeit kein optischer Anknüpfpunkt besteht. Gegen die einst propagierte Maßgabe, verständliche Metaphern zu nutzen, verstoße Apple dabei genauso wie gegen den Ratschlag, Icons nicht nur aus Text bestehen zu lassen. Was vor mehreren Jahrzehnten bereits gut gelöst wurde, stelle in vielerlei Hinsicht klare Rückschritte dar.


Früher, jetzt, Verbesserungsvorschlag Ein FazitApple hat sich eine unlösbare Aufgabe gesetzt, nämlich jedem Menüpunkt ein Icon zu geben. Allerdings gibt es schlicht nicht genügend sinnvolle, eindeutige Metaphern – und selbst wenn das der Fall wäre, bleibt die Annahme "mehr Icons = schnelleres Finden" zweifelhaft. Beide Punkte ignoriert und einmal vorausgesetzt, dies sei möglich, komme aber noch die handwerklich schlechte Gestaltung hinzu, wie Tonsky ausführt. Inkonsistente Symbolik zwischen und innerhalb von Apps, schlechte Pixel-Umsetzung, Überdetaillierung bei zu kleinen Größen und vieles mehr, lauten die Kritikpunkte. Es war noch nie so einfach, besser als Apple zu designen, weil Apple in Tahoe nahezu alle bekannten Designfehler der früheren Human Interface Guidelines hinsichtlich Icons in einem System gebündelt habe. Einen recht ähnlichen Artikel gibt es übrigens vom UI-Experten
Jim Nielson, der ebenfalls kein gutes Haar an Apples jüngsten Entscheidungen lässt.