Grell OAE2 – Die Besonderheiten, FortsetzungDas weiß auch Axel Grell, der keineswegs behauptet, die sogenannte Im-Kopf-Ortung mit dem OAE2 ein für alle Mal besiegt zu haben. Denn das ist nicht der Fall. Stattdessen verfolgt er hier den Ansatz, das üblicherweise mit Kopfhörern einhergehende Gefühl der Beengtheit bei der akustischen Darbietung stark zu mindern. Dafür ist nicht allein die stark nach vorn verschobene Treiberanordnung verantwortlich, sondern erst die Einbeziehung des gesamten Schallkammer-Volumens macht den Unterschied. Sicher kein leichtes Unterfangen, dafür die exakte Abstimmung und Bedämpfung zu finden, die Grell hier übrigens unter anderem mit einem akustisch transparenten Edelstahlgewebe erreicht.
Natürlich hat das Kind auch einen Namen. Und zwar nicht etwa einen KI-generierten Marketing-Bullshit-Namen, sondern einen rein wissenschaftlichen: Das Prinzip nennt sich „Frontseitige Schallfeldmodulation“. – Amtlich!
Durch die umfassende Einbeziehung der Außenohrfunktion wird zugleich ein weiteres Problem weitgehend gelöst. Jeder Mensch hat nämlich seine eigene, ganz individuelle Hörkurve. Keine zwei Menschen hören exakt gleich. Allein schon wegen unterschiedlich geformter Köpfe und Ohren. Im Digitalzeitalter versuchen manche Hersteller mittels Mikrofonen, DSP-Power und schlauen Algorithmen, die Hörkurven des Trägers zu ermitteln und die Wiedergabe des Kopfhörers mit einer entsprechenden Equalizer-Anpassung für eben dieses Gehör zu optimieren. Oft mehr schlecht als recht. Großer Aufwand, zweifelhafter Nutzen.
Nur so nebenbei: Aus dem Grund sind die bei einigen Herstellern und sogar in Roon zu findenden Datenbanken mit individuell erstellten Anpassungskurven für tausende Kopfhörermodelle auch weitgehend witzlos, denn die Kurven wurden ja von anderen für deren eigene Ohren erstellt, nicht für Ihre oder meine.
Das Konzept des OAE2 funktioniert auf rein analoge Weise, bei der jeder Träger passiv unter Verwendung seiner ganz natürlichen Außenohrfunktion in den Genuss einer persönlich passenden „Equalization“ kommt. Einfach aufsetzen und genießen.
Die Konstruktion des Grell OAE2Beginnen wir erst mal mit dem Design. Das wurde beim fast identisch aussehenden OAE1 (siehe weiter unten) schon mit dem IF-Design-Award ausgezeichnet und stammt aus der Feder von Grells Ehefrau Katrin Hertel. Die hat unter anderem auch den ebenfalls mit IF-Design Award geschmückten Solitaire T von T+A gezeichnet (
hier der Testbericht).
Das Design ist nicht nur eigenständig und weder zu zurückhaltend, noch zu extrovertiert, sondern dank der guten Mechanik auch frei von knarzenden oder labil wirkenden Teilen – und ohne Kabelgeräusche! Selbst wenn der OAE2 ein vierstelliges Preisschild hätte, gäbe es dafür nur Lob. Aber er kostet eben nur 499 Euro.
Bei der Treibertechnik macht Grell keine hochtrabenden Experimente, sondern setzt auf Bewährtes. Und zwar auf einen dynamischen Wandler mit 40 mm Durchmesser und Membranen aus Bio-Zellulose, die aus der Schmiede des dänischen Entwicklers
Ole Wolf stammen. Damit sind, wie schon erwähnt, auch die elektrischen Parameter praxistauglich und letztendlich die Nutzbarkeit an einer Vielzahl von Kopfhöreranschlüssen gegeben. Und es ist schließlich nicht so, dass dynamische Treiber mit Kolbenhub-Membranen schlechter als Folienstrahler wie Magnetostaten, Elektrostaten oder Air Motion Transformer klingen. Auf die richtige Konstruktion und Abstimmung kommt es an. (Mein allerliebster Kopfhörer mit den besten All-Round-Eigenschaften und unabhängig vom Preis ist nach wie vor der Focal Utopia (v2), mit dynamischen Treibern.)
Die Gehäuse- und Bügelkonstruktion des OAE2 ist ebenso clever durchdacht. Basierend auf dem OAE1 natürlich. Das ist eine Story für sich. Den OAE1, der ähnlich konstruiert war, gibt es nicht mehr. Der wurde ausschließlich über eine spezielle Online-Plattform in den USA namens
Drop vertrieben, die aber zum 01.04.26 eingestellt wird. Der OAE1, der vor allem mit einer etwas „amerikanischeren“ Abstimmung gesegnet war (bassbetonter), soll aber in einer überarbeiteten Version „V1.1“ wiederkommen. Der OAE2, der klassisch und verlässlich über den hiesigen Fachhandel verkauft wird, stellt einen Neuanfang des Grell-Projekts und den derzeit einzigen Kopfhörer im Angebot dar.
Die Konstruktion ist quasi modular ausgelegt. Ohrpolster und Kopfbandpolster können einfach vom Nutzer selbst ausgetauscht werden, aber auch alles andere am Kopfhörer ist reparierbar. Im Gegensatz zu vielen anderen, vor allem Bluetooth-Kopfhörern mit Akku und Elektronik, ist das passive, modulare Konzept des OAE2 um Welten nachhaltiger. Würde sich
iFixit.com des OAE2 annehmen, dürfte der Repairability Score nahe an der Höchstgrenze liegen. Wobei Grell übrigens auch auf möglichst nachhaltige Materialauswahl geachtet hat. Vielleicht mit Ausnahme des mitgelieferten Cases, das aus viel künstlichen Materialien besteht, die höchstwahrscheinlich nicht gerade kompostierbar sind. Da der OAE2 sowieso eher für den stationären Betrieb gedacht ist, hätte ich mir im Lieferumfang lieber einen Kopfhörerständer als ein Case gewünscht.
Das Case ist recht groß, aber flach. Die Hörmuscheln können dafür einfach in eine flache Position gedreht werden. Außer dem Case werden noch zwei angenehm flexible und glatt fallende Anschlusskabel mit Gewebeummantelung mitgeliefert. Eines mit 3,5 mm Stereo-Stecker plus 6,3 mm Schraub-Adapter und ein symmetrisches Kabel (4,4 mm TRRRS Stecker). Am Kopfhörer sind zwei Anschlüsse vorhanden, einer links, einer rechts. Die Kabel haben aber nur einen Stecker. Das kann wahlweise an der linken oder rechten Buchse eingestöpselt werden. Sehr nett. Die spezielle Innenverkabelung macht es möglich, erlaubt darüber hinaus aber auch die Verwendung von Kabeln, die zweiseitig angeschlossen werden. Das ist für diejenigen interessant, die dem Braten bei einseitigem Anschluss wegen etwaiger Laufzeitunterschiede nicht trauen und absolute Symmetrie bevorzugen. Ein solches Kabel wird Grell in Kürze optional anbieten. Der OAE2 erfüllt hier jeden Wunsch und ist damit sehr flexibel.
Die Stecker verschwinden am Kopfhörer tief in einer Art Hülse. Dadurch sieht das Kabel wie fest montiert aus, weil der Stecker nicht zu sehen ist. Durch diesen Trick ist die Verbindung zusätzlich gut gegen seitliche Belastung geschützt.