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Freitag, 6. September 2013 - 13:45 Uhr·Tipps und Berichte· ts (MacTechNews.de-Redaktion)

iOS 7 - Das Design

iOS 7 - Das Design

Für einen Überblick über die neuen Funktionen des mobilen Betriebssystems iOS 7 siehe den Artikel "iOS 7 - Die Funktionen".


Nach der Übernahme des Software-Designs durch Jonathan Ive und dem Weggang Scott Forstalls von Apple war klar, dass die Zeit des betonten Skeuomorphismus in Apples mobilem Betriebssystem vorbei sein würden. Schlichtere Oberflächen, flachere Icons und ein Wegfall vieler, an reale Gegenstände angelehnter Grafiken kennzeichnet die neue iOS-Version mit der Nummer 7.

Einen Überblick über die Auseinandersetzung zwischen Skeuomorphismus und Minimalismus, bei Apple stellvertreten durch Scott Forstall und Jonathan Ive, sowie Argumente für und gegen die beiden Design-Philosophien, bietet der Artikel "Skeuomorphismus und Minimalismus - zwei konkurrierende Design-Philosophien" vom März dieses Jahres. Nun gibt MacTechNews.de einen Überblick über das tatsächliche neue Design, einen Vergleich zum bisherigen Nutzerinterface, sowie einige Anmerkungen zu verschiedenen Themen.


Icons redesigned

Den ersten optischen Eindruck eines Betriebssystems gewinnt man über die App-Symbole. Sie sind das erste, das man nach Einschalten und Entsperren des Smartphones sieht. Daher transportieren sie am prominentesten den deutlichen Einschnitt im Design des iOS-Betriebssystems. An ihnen kristallisiert sich auch am meisten Lob und Kritik für den neuen Look.

Streng genommen ist der Skeuomorphismus nicht komplett abgelegt: Denn Selbsterklärung durch Rückgriff auf bekannte Objekte - die ursprüngliche Begründung für Skeuomorphismen - gibt es weiterhin: Zahnräder, eine Kamera, ein Briefumschlag, Noten, Sprechblase, Telefonhörer, die Silhouette eines Menschen und weiteres sind als Symbole erhalten geblieben. In dieser Hinsicht gibt es tatsächlich nur drei Symbol-Änderung: das Mikrofon der Sprachmemos-App, das stilisierten Tonwellen weichen musste, die Linse der Kamera-App, welche durch ein Fotoapparat-Symbol (genau genommen ebenso ein Skeuomorphismus) ersetzt wurde, und das Regal des Zeitungskiosks, das von comichaften Zeitschriften abgelöst wurde.

Konsequent entfernt wurde dagegen der rein ästhetische Teil der Grafiken: Lichteffekte wie Schatten und Spiegelungen, Schnörkel, Plastizität. Die Wolken verschwanden aus dem Hintergrund des Mail-Icons, aus den Taschenrechner-Knöpfen wurden Felder und der Papierimitation der Notizen-App ging es genauso an den Kragen wie dem Holz am Kompass. Die plastischen Icons wurden ersetzt durch skizzenhafte Symbole vor dimensionslosen Farbübergängen.

Eine Besonderheit stellt das neue Symbol der Uhr dar. Graphisch eines der am wenigsten angepassten Icons ist es gleichzeitig das einzige bewegliche. Denn es zeigt bereits in der Übersicht immer die korrekte Uhrzeit an, während es bislang in der App-Übersicht immer 10.15 Uhr zu sein schien.

Gleich doppelt fallen bei der Wahl der neuen Icons die Apps Fotos und Game Center aus dem Rahmen. Einerseits haben sie das radikalste Redesign erhalten. Die alten Symbole - Sonnenblume und Spielutensilien-Quartett - dienten keiner offensichtlichen Selbsterklärung und wurden ersatzlos beseitigt. Statt anderer Symbole wurde hier allerdings auf Farb-Muster gesetzt, die allerdings ebenso wenig selbsterklärend sind und scheinbar zur deutlichsten Zurschaustellung der Abkehr von der alten Design-Philosophie verwendet wurden. Hinzu kommt die Inkonsistenz, dass Plastizität in allen Icons entfernt wurde, in der Game Center-App aber deutlich zu Tage treten: Die bunten Blasen imitieren Dreidimensionalität.

Die Buntheit ist sogleich auch einer der Hauptkritikpunkte vieler Nutzer. Mit Bezeichnungen wie Bonbon-iOS oder auch drastischeren Beschreibungen wird das Mischmasch aus hellgrün, lila, knallblau, tiefrot und orange beschrieben. Einige Apps haben eine dominierende Farbe (mit leichtem Farbverlauf), andere sind bereits in sich bunt, wie der Zeitungskiosk, die Karten-, Erinnerungen-, Wetter- und Passbook-App.

Die Kalender-App zeigt einen weiteren der oft genannten Kritikpunkte auf: die neue, hauchdünne Schrift, die auch die "7" im Icon des gesamten Betriebssystems bestimmt. Schlank und - wie viele es nennen - aufgeräumt ist sie einigen Nutzern zu dünn, um sie problemlos zu lesen.


Unschärfe schlägt Materialimitation

Der Begriff "flach" ist nicht ganz so einfach bei iOS 7. Während Plastizität und Dreidimensionalität bei den App-Symbolen (fast) vollständig entfernt wurde, gibt es in Bezug auf übereinander liegenden Ebenen geradezu einen Aufbruch hin zur Dreidimensionalität. Auf dem Hintergrund liegen die Icons. Gegebenenfalls liegt über den Icons das Keyboard, Siri, das Kontrollzentrum oder - wie in nebenstehenden Apple-Werbebild - das Mitteilungszentrale. Neigt man sein iPhone zur Seite, verschieben sich auch die Ebenen gegeneinander und imitieren ein räumliches Übereinander. Man hat fast den Eindrucken, hinter die Icons sehen zu können; diese Funktion kann man bei Bedarf aber auch deaktivieren (Einstellungen - Allgemein - Bedienungshilfen - Bewegung reduzieren). Es gibt auch dynamische Hintergründe, die sich je nach Smartphoneneigung bewegen. Das Öffnen einer App und der Aufbau des Startbildschirms vollziehen sich ebenfalls mit einer 3D-Animation.

Bislang waren die Ebenen in iOS abgegrenzt: Die Statusleiste ganz oben, dann das Hauptbild und eventuelle Überlagerungen. Die meisten Überlagerungen, etwa das frühere Mitteilungszentrale oder die Übersicht der offenen Apps, verfügten über eine Stoffimitation als Hintergrund. Streichleisten und Hauptbildeinteilungen hatten plastisch wirkende Kanten und Schatten. In iOS 7 wird all das ersetzt durch die Ebenenlogik mit halbdurchsichtigen Hintergründen, die sich farblich dem Gesamtbildschirm anpassen. Beispielhaft kann man das an dem Bild des neuen Kontrollzentrums aufzeigen: Die Statusleiste ganz oben ist nun Teil des Hauptbilds, die Überlagerung lässt durch ihre Transparenz den Hintergrund erahnen. Das gilt gleichermaßen für die neue Mitteilungszentrale, die aufgeklappte Tastatur, Siri, die Spotlight-Suche, Pop-Up-Fenster und auch geöffnete Ordner. Selbst das Weiß in den Icons selbst - etwa der Hintergrund im Icon von Safari oder der Foto-App - sind halbdurchsichtig. Der Eindruck der Buntheit wird dadurch noch verstärkt.

Prototyp der wegfallenden starren Bildschirmeinteilung ist der neue Sperrbildschirm. Im Vergleich zur Vorgängerversion fällt das Wegfallen von Begrenzungen und gleichzeitig plastisch wirkenden Bedienelementen deutlich ins Auge. Die Worte "Sauber" und "Aufgeräumt" fallen oft bei der Beschreibung; das eingestellte Hintergrundbild dominiert ohne Begrenzung das Bild; eigentlich nur überdeckt von Uhrzeit und Datum - beides in der sehr schlanken neuen Schriftart.


Apps im Überblick

Alle System-Apps haben einen neuen Anstrich erhalten, bei einigen gibt es nur kleine Änderungen, andere sind von Grund auf neu gestaltet. Die neue dünne Schrift, der Wegfall strenger Bildschirmeinteilung und das Ende plastisch wirkender Knöpfe und Balken zieht sich durch alle Apps. Für einige, etwa Mail oder Safari, war es das aber auch schon, weil der Rest der UI zur Anzeige der Inhalte verwendet wird. Auch die Einstellungen behalten ansonsten ihre Struktur.

Einstellungen in iOS 6 und iOS 7

Die radikalste Änderung betrifft einmal mehr das Game Center. In früherer Zeit stärkster - einige würden sagen schlimmster - Exponent des Skeuomorphismus als Imitation eines Roulette-Tisches voll grünem Filz und Holzelementen haben wir es in iOS 7 mit einer hauptsächlich weißen Listenansicht zu tun. Einziges graphisches Element sind die bereits im Icon eingeführten Blasen im Ich-Bildschirm. Ebenfalls von besonderer Restrukturierung betroffen ist der Zeitungskiosk. Früher ein Ordner im Stil eines Bücherregals wichen die einzelnen Etagen nun simplen Farbstrichen, in denen die abonnierten Zeitschriften lagern. In diesem Fall ist das UI-Konzept gleich geblieben, horizontale Aufreihung. Der Kontrast zwischen alter und neuer Version ist hier besonders groß, denn die neuen Farbreihen sind sehr gewöhnungsbedürftig.

Game Center in iOS 6 und iOS 7

Erwartbar waren die Änderungen in der Notizen- und der Kontakte-App. Die Notizblockimitation inklusive abgerissener Seite und das Ledereinband waren oft Hauptkritikpunkte am alten Stil. Beides ist nun verschwunden. Die Notizen zeigen sich nun als fast leere Fläche - die Bedienelemente nun dezent und - wie üblich - dünn statt wie früher scheinbar mit Stift gezeichnet. Die Kontakte zeigen sich nun als listenförmige Visitenkarten.

Notizen in iOS 6 und iOS 7

Ein erster Hinweis auf Jonathan Ives neuen Grafikstil war vor einigen Monaten der Wegfall des Tonbandes aus der Podcast-App. Nun hat es die "Geschwister" des Tonbandes in den System-Apps getroffen: das Mikrofon der Sprachmemos-App ebenso wie den alten Schiffskompass.

Sprachmemos in iOS 6 und iOS 7

Auch beim "Innenanstrich" der Apps gibt es einen Ausreißer, der nicht in das minimalistische Konzept zu passen scheint: die Wetter-App. Zwar gilt auch hier das Primat der sehr dünnen Schrift - in dieser App führt sie tatsächlich oft zur Unleserlichkeit -, aber mehr noch als früher wird das Wetter durch Grafik angezeigt. Ob Sonne, Regen, Hagel, Gewitter oder Sturm, alles ist als animierter Hintergrund zu sehen. Hier wurde das "Weniger ist Mehr" der anderen Apps offensichtlich umgedreht. Dazu kommt: Bei Gewitter durchzieht mal ein greller Blitz den gesamten Bildschirm und bei Hagel prasseln die Körner von der angezeigten Temperatur-Zahl ab. Mit Minimalismus oder "Flat Design" hat das nichts zu tun.

Wetter-App in iOS 6 und iOS 7

Insgesamt zeigen sich die Apple-Apps mit weißem bis hellem Hintergrund. Das gilt für die Telefon-App, Kontakte, Einstellungen, Game Center, Notizen, Erinnerungen, Kalender, Nachrichten, Fotos, Karten, Mail, App Store, Uhr, Safari und Musik. Wetter- und Zeitungskiosk-App sind als Ausnahmen bereits beschrieben. Zusätzlich gibt es allerdings auch einige wenige Ausreißer, die mit einem schwarzen Hintergrund aufwarten: Aktien, Kompass, Sprachmemos, Kamera und der Rechner. Einige nennen das Inkonsistenz, andere begreifen dieses Schwarzweiß positiv als Kontrast zu den knallbunten Icons, aus dem einzig der Zeitungskiosk herausfällt.

Erinnerungen, und Rechner in iOS 7
Kalender und Kontakte in iOS 7

Resummee

Insgesamt lässt sich also zeigen, dass das Entfernen des Skeuomorphismus - in seiner spielerischen, dekorativen Variante, nicht in seiner Selbsterklärung - sehr weit und konsequent verfolgt wurde. Einige Apps wurden geradezu zum radikalen Gegenentwurf, etwa die Icons der Foto- und Game Center-App oder die Aufmachung von Zeitungskiosk, Notizen und Game Center.

Uneinheitlichkeiten bestehen allerdings bei dem Game Center-Symbol als einzig verbliebenem plastisch wirkenden Icon und der neuen Wetter-App, die vor dekorativen Spielereien wimmelt. Ob auch der Kontrast zwischen "flachen" Icons ohne Schnörkel und "dreidimensionalen" Ebenen mit Transparenzen und spielerischen Neigungsanimationen inkonsequent oder im Gegenteil geradezu konsequent ist, muss jeder selbst entscheiden. Mit der neuen Schrift wird der Eindruck, "schlank" und "aufgeräumt" zu sein, verstärkt - manchmal auf Kosten der Leserlichkeit. Nutzungskomfort und Funktion sollte aber stets den Vorzug vor Design und Ästhetik haben.

Buntheit, Unschärfe, Animationen und Farbübergänge charakterisieren iOS 7 so sehr, wie es früher Material- und Plastizitätsimitation tat. Welche Version ein Anwender nun bevorzugt ist - wie immer wenn es um äußerliche Schönheit geht - Geschmackssache. Einige fühlen sich befreit von den fast aufdringlichen Skeuomorphismen, andere werden sie vermissen und sehen sich mit kalten Konzeptzeichnungen konfrontiert, die dem Design der Konkurrenz ähnelt. Beide Parteien könnte man zufriedenstellen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, zwischen beiden Design-Konzepten frei zu wählen. Diese Möglichkeit ist allerdings leider nicht in Sicht.

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