

Tech-Talk über Kameras ist in vielen Foren – auch bei MTN – in den letzten Jahren immer seltener geworden. Mittlerweile sind beinahe alle Kameras auf einem sehr hohen Niveau. Sollten wir uns darüber nicht freuen? Doch ist der Reiz weg! – Wie geht es nun weiter?
Ich gebe ganz offen zu, dass ich in der letzten Zeit die Lust am Fotografieren mit der Systemkamera ziemlich verloren habe. Zunächst dachte ich noch, es liege am fortschreitenden Alter und der Tatsache, dass ich nicht mehr so gerne zig Kilo schwere Taschen und eventuell noch ein Stativ mitschleppen will. Das hat sicherlich seinen Anteil an meinem nachlassenden Interesse. Ebenso wie der Umstand, dass das iPhone inzwischen viele fotografische Situationen in exzellenter Qualität abbilden kann und sowieso immer dabei ist, ohne den geschundenen Rücken zu belasten. Aber es gibt auch einen anderen wichtigen Grund: Die Technik ist inzwischen einfach zu gut geworden!
Klingt absurd? Irgendwie schon, ich weiß. Doch es stimmt. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als wir uns im Forum tagelang darum gestritten haben, welche Kamera (oder Marke) die Beste ist? Welcher Sensor am wenigsten rauscht? Welches die besten und unverzichtbarsten Funktionen sind, ohne die eine Kamera „nichts taugt“? Oder über das Rennen, welche Kamera die höchste Serienbildgeschwindigkeit bietet? Oder auch nur darüber, welches Dateiformat das Beste ist, und warum man unbedingt RAW fotografieren sollte, wenn man „ernsthafte“ Fotografie betreiben will? – Aus. Vorbei. Geschichte. Darüber kräht kein Hahn mehr.
Die Technik hat gewaltige Fortschritte gemacht und Systemkameras und deren Sensoren sind heute so ausgereift, dass man auch mit einer billigen Einsteigerkamera keine Sorge mehr haben muss, dass es bei ISO 6.400 mal zu doll rauscht. Zur Not helfen KI-gestützte Algorithmen, das Bild effektiv zu entrauschen. Auch sind alle Kameras heute schnell genug, um auch flotte Sport-Events verfolgen zu können. Ganz zu schweigen vom Autofokus. Okay, in dem Punkt gibt es vielleicht noch ein wenig Verbesserungspotential, aber was selbst günstige Kameras da heute leisten, ist bemerkenswert zuverlässig.
Dazu scheinen sich bei vielen die Prioritäten der Bilderzeugung verschoben zu haben. „Fotoapparate“ sind heute schließlich fast ausnahmslos auch hervorragende Videokameras, mit denen man kinoreife Filme drehen kann. Obwohl es, wenn überhaupt, meistens nur darum geht, seinen eigenen YouTube-Channel zu starten und sein Glück mit dem Horten von Anerkennung zu suchen. Fotografie? Ist irgendwie total Nebensache geworden, oder?
Offenbar bin ich auch nicht der Einzige, dem durch die technische „Gleichschaltung“ der Kameras irgendwie die Lust an der Sache abhanden zu kommen scheint. So hat der bekannte und ziemlich reichweitenstarke YouTube-Tester Gerald Undone gerade verkündet, künftig keine Kameras mehr testen zu wollen. Er ist damit durch. He's Done! Aus ähnlichen Beweggründen.
Dieser Abschied hat mir noch mal deutlich gemacht, dass es tendenziell bei mir ähnlich aussieht.
Alles besser – und langweiligerUrsache und Wirkung scheinen hier in einem kuriosen Missverhältnis zu stehen: Die Kameras werden immer besser und deswegen lässt das Interesse nach? Klingt irgendwie paradox, ist aber so. Bei mir jedenfalls. Ich überlege ernsthaft, meine Kameraausrüstung zu verkaufen, solange sie noch einigermaßen aktuell ist. Die Objektive sind langlebiger als die Bodys und lassen sich sicher auch in ein paar Jahren noch gut absetzen, aber was soll ich damit, wenn ich die Kameras abgebe?
Und wird mir dann etwas fehlen, um a.) meine Arbeit zu machen und b.) interessante Motive einzufangen? Es scheint nicht so zu sein. Seit geraumer Zeit mache ich Produktfotos fast nur noch mit dem iPhone. Manche mögen einwenden, dass meine für die REWIND geschossenen Produktfotos früher irgendwie doch professioneller ausgesehen haben und dass das der Vollformat-Systemkamera zuschreiben wäre. Doch dem ist nicht so. Ich habe früher lediglich einen wesentlich größeren Zeitaufwand für die Nachbearbeitung der Fotos betrieben. Etwas, das aber – so traurig es klingt – nicht honoriert wird. Weder in Geld, noch einfach in der Würdigung der Bilder. Was ich mit dem iPhone fotografiere, ist meistens „out of the Cam“ direkt nutzbar, ohne dass ich erst jedes RAW-Foto einzeln aufwendig in Lightroom entwickeln und nachbearbeiten muss. Und bis jetzt hat sich auch noch niemand über die Qualität der iPhone-Aufnahmen beschwert.
Rein dokumentarische Bilder, die etwa nur ein Produktdetail zeigen sollen, erfordern ebensowenig noch länger eine Systemkamera, wie Fotos, die mit mehr Ambiente daherkommen sollen. Das künstliche Bokeh aus dem iPhone ist inzwischen so gut, dass ein zigtausend-Euro-teures, super lichtstarkes Objektiv das auch nicht viel besser hinkriegt. Und 99,9% aller Betrachter erkennen da sowieso keinen Unterschied mehr. So What?
Mag sein, dass es für bestimmte künstlerische Ansprüche noch nicht reicht. So wird im MTN-Forum gerade in einer selten gewordenen Leidenschaft über den „
Leica-Look“ diskutiert. (Obwohl auch diese Diskussion schon wieder merklich abgeflacht ist.) Aber über die reine Technik oder bestimmte Funktionen und welche Kamera sie hat oder nicht hat, wird heute fast gar nicht mehr gesprochen. Das macht auch die „Jagd“ nach immer besseren Kameras irgendwie sinnlos, denn inzwischen sind sie alle wirklich sehr gut. Selbst „Markenkriege“ wie zwischen Canon und Nikon sind damit praktisch Geschichte.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ob Sie ähnlich darüber denken – und es sich selbst eingestehen, oder ob Sie nach wie vor der Ansicht sind, es lohnt sich, auf die nächste Kamera-Vorstellung der Lieblingsmarke hinzufiebern und schon mal Geld dafür zurückzulegen. (Wann kommt eigentlich mal wieder eine neue Kamera? Die Schlagzahl der Neuvorstellungen hat erheblich abgenommen.)
It Ain't Over 'til It's Over…… sang Lenny Kravitz. Und das gilt irgendwie vielleicht auch für mich und meine Leidenschaft für die Fotografie. Nur hat sich der Fokus für mich unbestreitbar verschoben. Zuletzt dachte ich noch über die Anschaffung einer lichtstarken Festbrennweite im Bereich um 50 mm nach, doch die waren mir letztlich zu teuer für den Zweck. Dann stellte Canon das vergleichsweise extrem günstige
RF 45mm F1.2 STM vor, das vielleicht nicht das technisch beste seiner Art ist, aber eben günstig und mit Charakter. Doch auch davon sah ich ab, weil mir letztlich irgendwie die Lust fehlte, wieder mit Kameratasche gezielt auf Motivsuche zu gehen. Zumal ich in meiner Gegend so ziemlich alles fotografisch abgegrast habe. Sicher, es gibt immer wieder mal spannende Motive, aber die tauchen meistens dann auf, wenn man NICHT gezielt nach ihnen sucht. Und dann ist die Kamera vermutlich nicht dabei, das iPhone aber schon.
Tatsächlich habe ich in letzter Zeit häufiger das Fernglas mitgenommen, als die Kamera. Irgendwie bezeichnend, oder? Es ist vertrackt. Komplett verabschieden möchte ich mich aus der Kamerawelt nicht. Ich werde sie auch weiterhin im Blick behalten und über die interessantesten Neuerungen in REWIND berichten. Aber es ist nicht zu leugnen: Ich bin nicht mehr so Feuer und Flamme für das Thema wie früher.
Und wie geht es Ihnen damit?