

Nach der Abkündigung des Mac Pro letzte Woche war der Aufschrei groß, wenn auch nur von einer überschaubar kleinen Anwendergruppe. Das Ende des Mac Pro im Tower-Format war aber überfällig, meint REWIND.
Es ist stets schwer, sich von lieb gewonnenen Dingen loszusagen. Und viele Menschen sind ohnehin keine Freunde großer Veränderungen. So war es auch klar, dass nach der Verkündung vom (höchstwahrscheinlich) endgültigen Aus des Mac Pro im Tower-Gehäuse die bis dahin zufriedenen Benutzer dieses Konzepts gar nicht erfreut darüber waren. Doch im Grunde genommen war das Konzept des „modularen“ und mit Steckkarten und Laufwerken nach- und aufrüstbaren Macs schon lange überholt. Und dieser Autor ist der Meinung, dass sogenannte Modulbau-Computer nie einen wirklich großen Vorteil gegenüber hoch integrierten Designs wie dem Mac Studio hatten oder haben.
Ich selbst habe in den 90er Jahren eine kurze Zeitlang beruflich Windows-PCs geschraubt. Heißt: Tower-PCs von Grund auf nach Kundenbestellung aufgebaut. Gehäuse, Lüfter, Netzteil, Hauptplatine, CPU, Speicher, Grafikkarte, Laufwerke etc. pp. Das war angesagt, weil sich der Kunde in einem gewissen Rahmen aus bestimmten Teilen die für ihn beste Kombination zusammenstellen konnte, wobei wir als „Hersteller“ darauf achten mussten, dass alles auch wirklich zusammenpasst, denn nicht jede CPU passt auf jedes Mainboard und nicht jedes Netzteil ist kräftig genug für die geforderte Leistungsaufnahme.
Die Grundidee war schon damals, dass der PC durch Modularität quasi immer durch Austausch der Karten auf den neuesten Stand gebracht werden konnte. Aber auch schon damals war das mehr graue Theorie, denn modulare Systeme kranken immer an einem Punkt, nämlich an den Schnittstellen. Die veralten schnell. Damals sogar in noch kürzerer Zeit, als heute. In einem Jahr war die quadratische CPU für beispielsweise „Sockel 4“ angesagt, im nächsten dann solche, die Sockel der nächsten Generation benötigten oder gar einem ganz anderen Formfaktor hatten. Das zog in der Praxis meist den Neukauf des kompletten PCs nach sich, weil neben der CPU auch das Mainboard getauscht werden musste, welches wiederum schnellere PCI- und Speicherslots bot und andere Speicher- und Grafikkarten erforderte, und zuletzt womöglich eine höhere Leistung brauchte, was andere Netzteile erforderte … und so weiter, und so fort. Der Vorteil der Modularität für Erweiterbarkeit und Langlebigkeit war meist reines Wunschdenken.
Demgegenüber haben hoch integrierte Computer wie der Mac Studio einige handfeste Vorteile. So kann schon beim Design die Hardware optimal aufeinander abgestimmt werden und maximale Performance erreicht werden. Denn glauben Sie nicht, es würde ausreichen, einfach die jeweils schnellsten Bauteile auf das beste verfügbare Board zu stecken, um den schnellsten PC zu erhalten. Von wegen. Einen „modularen“ PC so mit Hard- und Software abzustimmen, dass er am Ende wirklich in allen Aspekten (CPU, Speicher, Grafik…) richtig flott war, war nicht so leicht.
Bei hochintegrierten Systemen können zudem Techniken gewählt werden, die mit Modulsystemen schlicht nicht machbar sind, wie etwa die direkte Anbindung des RAM an die CPU. Keine Steckschnittstelle kann da in Sachen Performance mithalten. Und wenn doch, ist sie sowieso in einem Jahr wieder veraltet und limitiert die Aufrüstbarkeit. Es mag einzelne Ausnahmen geben, aber kein einziges modulares System in der Computerwelt hat sich jemals als wirklich dauerhaft erwiesen, um damit auf dem Stand der Technik bleiben zu können. Nicht ein einziges.
Von daher erschien mir 2013 die Vorstellung des Mac Pro in der kompakten, schwarzen Zylinderform mit wenig modularem Anspruch als der logische und richtige Weg. Auch wenn das Konzept scheiterte, war es doch, wie sich jetzt mal wieder herausstellt, der richtige Ansatz, der heute im Mac Studio seine konsequente Fortsetzung findet. Der „Tischmülleimer“ war zu Unrecht Ziel von Spott und Häme. Und es war ja auch nicht das erste Mal, dass Apple mit einem neuen Produkt seiner Zeit zu sehr voraus war. Newton und Power Mac G4 Cube wären Beispiele dafür. Doch hier und jetzt ist das Konzept des Tower-Mac-Pro definitiv – und mit Ausnahme nur sehr weniger Spezialanwendungen – altes Eisen und für Hersteller wie Anwender nicht länger sinnvoll, es weiter zu verfolgen.
Ich rede dabei gar nicht mal von den üblichen Problemstellen, wie dem exorbitant hohen Preis und der Tatsache, dass man darin nicht einmal andere Grafikkarten einstecken könnte. Nein, es geht ausschließlich um die Erkenntnis, dass der Vorteil der Modularität mit viel zu vielen Nachteilen und Beschränkungen erkauft wird und letztendlich Augenwischerei ist.
Vorschlag zur GüteLiebe Fans des Tower-Macs. Die Zeit ist reif für ein Umdenken. Nahezu alle heute gängigen Anwendungen, die nicht in Ultra-High-End-Computing oder gigantische KI-Zentren gehen, sind mit einem (oder mehreren vernetzten) Mac Studio mindestens genauso gut zu erledigen. Wahrscheinlich sogar noch besser. Ganz nebenbei entfällt damit der Bastelzwang, was viel Zeit kostet, die an Rechenzeit verloren geht.
Jaja, ich höre schon die Einwände gewisser Experten im Forum, die mir sagen werden, dass der Studio ja nicht annähernd die Leistung der besten XY-Enterprise-PC-Lösungen erreiche. Aber das ist nicht der Punkt. Ausnahmen bestätigen stets die Regel, aber der Mac Studio ist es wert, seine Qualität in der Tower-Domäne auszuprobieren. Wer weiß? Vielleicht gehören am Ende auch Sie zu denjenigen, die sich fragen, wie sie nur so lange an der überdimensionierten Tower-Architektur festhalten konnten. –
Just try it!