CEO John Ternus: Große Herausforderungen, die auf ihn warten


Wenn es einem Unternehmen wirtschaftlich so blendend geht wie Apple, dann gelten bei der Wahl eines CEOs andere Regeln als im Falle eines angeschlagenen, existenzbedrohten Krisenkonzerns – wie es noch bei der Amtsübernahme von Jobs einst der Fall war. Man benötigt keinen Retter und Sanierer von außen, sondern hat viel Zeit für den Aufbau eines neuen Kandidaten, der das Wesen des Unternehmens verinnerlicht hat. Genau das ist derzeit in Cupertino der Fall, denn nach 25 Jahren dürfte John Ternus so ziemlich alle Nuancen des Konzerns kennen. Er übernimmt eine perfekt optimierte Maschine, die allerdings vor zahlreichen Herausforderungen steht. Wir fassen drei Kernpunkte davon zusammen.
SoftwarequalitätApple lebt seit Jahrzehnten von dem Versprechen, dass Hardware und Software aus einem Guss kommen. Galt einst jedoch die Hardware als kompromissbehaftet, wohingegen man mit Software glänzte, so wurden in den letzten Jahren vor allem bei Systemen und Frameworks immer eklatantere Qualitätsmängel zur Regel. Für normale Nutzer äußert sich das in seltsamen Fehlern, instabilen Funktionen und unfertigen Details. Für Entwickler ist es oft noch schlimmer: schlechte oder unfertige Frameworks, kaputte Grundkomponenten, neue Fehler in bestehenden Schnittstellen und ein enorm wachsender Aufwand, um Apples Probleme zu umschiffen, statt am eigenen Produkt zu arbeiten.
Wenn Entwickler immer häufiger den Eindruck haben, dass Apple erst neue Oberflächen, Schlagworte und Funktionen ankündigt, während grundlegende Dinge im Unterbau zerfallen und auch Neues nur halbgar und mit heißer Nadel gestrickt ist, dann könnte das Stück für Stück den guten Ruf des gesamten Ökosystems beschädigen. Immer häufiger ist die Frage zu hören, ob Apple intern noch genug Disziplin aufbringt, vorhandene Plattformen sauber zu pflegen. Für Ternus ist das eine Herausforderung, weil er als Hardware-Mann zwar für neue Produkte stehen kann, der Ruf des Konzerns aber ebenso daran hängt, ob Software-Komponenten wieder verlässlicher werden.
Eine KI-Strategie finden, die zu Apple passtDas Problem ist nicht nur, dass Apple bei KI/Siri aufholen muss, sondern auch wie das erfolgen kann. Apples klassische Stärke des engen Zusammenspiels von Hardware, Software und Diensten kann im KI-Zeitalter zur Bremse werden, weil der Markt im Moment eher Offenheit, schnelle Iteration und allgemeine Zugänglichkeit belohnt. Ternus muss also entscheiden, wie weit Apple sich öffnen kann, ohne den eigenen Markenkern aus Kontrolle, Datenschutz und Produktqualität aufzugeben. Die Kooperation mit Google ist sicherlich ein weitreichender und nicht zu unterschätzender Schritt. Ganz besonders bei Apple Intelligence und Siri gilt es zu zeigen, auf Ankündigungen nun endlich Taten folgen zu lassen.
Den nächsten großen Hardware-Zyklus liefernSo eindeutig, wie Ternus stets als Hardware-Mann und "Product Guy" beschrieben wird, dürfte man ihn wohl vor allem an Hardware messen. Langfristig reicht es nicht aus, weiterhin auf behutsame Produktpflege zu setzen. Foldables und Brillen sind zwei Beispiele für neue Kategorien, die bereits in seine Zeit als Hardwarechef fallen. Ternus gilt zwar als risikoscheu und vorsichtig, allerdings im Gegensatz zu Cook eher als jemand, der neue Hardwaretrends erkennt und darauf hinarbeiten lässt. Irgendwann hat sich nun einmal jede bestehende Produktgattung überholt, sodass es neuer Lösungen bedarf – was weniger Verwaltung bei mehr Gestaltung erfordert.
Was ihm Cook als Chairman einfacher machtCook wird Ternus einen Teil der schwierigsten Außenkontakte abnehmen. Apple nennt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern als einen seiner künftigen Schwerpunkte. Das spricht sehr dafür, dass Cook weiter der Mann für Washington, Brüssel, Delhi, Peking und Trump-Betreuung bleibt. Für Ternus ist das eine Erleichterung – aber keine Entwarnung. Denn auch wenn Cook die Gespräche führt, muss Ternus mit den Folgen leben: Zölle, Auflagen, Marktöffnungen, Preisrisiken, Lieferkettenumbauten und die Frage, wie viel Apple von seinem alten Kontrollmodell überhaupt noch verteidigen kann.
Fazit und AusblickBis es konkret sichtbare Änderungen oder Kurskorrekturen gibt, vergeht sicherlich einige Zeit. Die Roadmaps und sonstigen Pläne für die kommenden ein bis zwei Jahre dürften weitestgehend stehen und angeblich wurde Ternus bereits seit einigen Monaten in alle wichtigen strategischen Entscheidungen eingebunden. Interessant wird deshalb weniger der unmittelbare Start, sondern die Frage, an welchen Stellen Ternus mittelfristig eigene Akzente setzt.
Die eigentliche Bewährungsprobe liegt nicht in der Verwaltung des Erfolgs, sondern in den offenen Baustellen des Konzerns: bei Siri und künstlicher Intelligenz, bei der Qualität von Systemen und Frameworks sowie bei der Frage, ob Apple nach Jahren perfekter Ausführung wieder stärker als visionäres Unternehmen wahrgenommen wird.