

Nicht nur für Smarthome-Geräte, sondern für unzählige Situationen des vernetzten Daseins wird heute eine eigene App angeboten. Das Smartphone quillt über vor Einzel-Anwendungen, die Aufgaben komfortabler machen sollen, stattdessen für zunehmenden Unmut sorgen. REWIND fragt: Wo bleibt da die Einfachheit?
Seit meiner frühesten Kindheit bestimmt Technologie mein Leben. Schon immer hatte ich eine besondere Faszination für elektronische Dinge. Angefangen bei den ersten digitalen Armbanduhren und Taschenrechnern war für mich alles, was irgendwie mit Halbleitern und leuchtenden Anzeigen ausgestattet war, der Inbegriff von Fortschritt und blühender Zukunft. Mein Glück war, dass ich die (Heim-) Computerrevolution praktisch von Anfang an miterleben durfte. Eine aufregende Zeit, die meinen Technikfimmel umso mehr befeuerte.
Ich kann mit voller Überzeugung von mir behaupten, ein sehr technikaffiner Mensch zu sein. Auch im fortschreitenden Alter. Doch inzwischen gibt es einige Entwicklungen, die mir gehörig gegen den Strich gehen, weil ich sie für den falschen Weg halte. Dazu gehört die schon seit Jahren anhaltende und eigentlich immer nur noch schlimmer werdende App-Flut.
„Es gibt eine App dafür“ („There’s an app for that“) – lautet schon lange ein Euphemismus. Etwa 2009 wurde der ironisch gemeinte Spruch erstmals genutzt. Er war auf Apples Werbekampagnen zum iPhone gemünzt, das dank des stark wachsenden App-Stores bei vielen Entwicklern Begehrlichkeiten weckte, unbedingt dabei sein zu wollen. Schnell fanden auch immer mehr Hersteller von elektrischen Geräten heraus, dass sich mit dem modern wirkenden Aspekt einer App-Steuerung gut werben lässt. Die App-Verbindung wurde zu einem Feature, auf das heute fast keiner mehr verzichten möchte, der elektronische Geräte in irgend einer Form anbietet. Nicht selten werden die selben Geräte, egal wie primitiv, durch Ergänzung einer App-Steuerung plötzlich „smart“ genannt.
Unaufhaltsam wächst die App-SammlungImmer mehr Apps kriechen langsam aber stetig auf unsere iDevices (und teilweise den Mac). Auch bei mir, obwohl ich versuche, bei der Installation neuer Apps sehr selektiv zu sein und nur das aus dem Store zu laden, was ich auch wirklich benötige, und das, was ich nicht mehr benötige, auch wieder von iPhone/iPad zu entfernen, statt sie zu horten.
Trotzdem sind meine iDevices inzwischen sehr voll mit den kleinen Progrämmchen. Manche davon sind wirklich nützlich und werden häufig benutzt, andere nur alle Jubeljahre mal. Hier nur ein kleiner Auszug dessen, was sich auf meinem iPhone versammelt hat:
Apps für: Heizungssteuerung (Wärmepumpe), Weichwasser-Anlage, Rasenroboter, Rollläden, Türklingel, einige Lampen (inzwischen gelöscht und in die FritzBox integriert – mit eigener App dafür), Raumthermometer, Fleischthermometer.
Das sind nur die Apps für und rund ums Haus, wobei ich bewusst meine Smart-Home-Aktivitäten nicht zu extrem ausbauen will und auf die „Totalvernetzung“ des Heims verzichte. Es gäbe theoretisch die Möglichkeit, diese Apps in nur einer gemeinsamen App zu bündeln. Gemeint ist die Home App von Apple. Doch manche Apps sind nicht Home-Kompatibel oder sie stellen darüber nur rudimentäre Funktionen bereit, statt den vollen Funktionsumfang. Wie etwa die Heizung, die in der Home-App lediglich die Basis-Temperatursteuerung erlaubt. Das Entfernen der Hersteller-App ist damit keine Option.
Neben diesen Heim-und-Haus-Apps tummeln sich auf meinem iPhone/iPad außerdem – beruflich bedingt – noch einige Dutzend (!) Steuerungs-Apps von Streaming-Komponenten, einschließlich meiner zentralen Musik-Apps Roon und Qobuz. Viele dieser Apps lösche ich nach einem erfolgten Test wieder. Marken, mit denen ich häufiger zu tun habe und die eine gemeinsame App für verschiedene ihrer Komponenten haben, behalte ich meist. Doch naturgemäß ist die häufigste Interaktion mit vielen davon auf gelegentliche Updates beschränkt.
Neben Apps zur Steuerung elektronischer Komponenten haben sich Apps in viele andere Angelegenheiten unseres täglichen Lebens eingeschlichen. So bietet fast jeder Supermarkt oder Kaufhäuser ihre eigene App an. Insbesondere solche, die bei Benutzung mit Rabatten locken und als Preis dafür unsere Daten abgreifen. Gegen diese Sorte habe ich mich bislang konsequent und erfolgreich gewehrt. Bei Online-Shopping sieht es ähnlich aus.
Auch Informations-Apps werden uns immer stärker aufgedrängt. Zwar kann man alle wichtigen News auch auf der jeweiligen Webseite im Internetbrowser lesen, doch nahezu jedes Portal, egal ob Tagesschau, NDR, Spiegel, Bild oder welche Publikation auch immer man liest, ist auch als App-Version verfügbar. Auf diese verzichte ich ebenfalls, denn man kann sie gebündelt in einer einzigen App lesen: Safari. (Von Abos bzw. Paywalls soll hierbei erst mal nicht die Rede sein. Es geht nur um die Apps.)
Natürlich ist auch unsere Mobilität heute in zunehmendem Maße von Apps geprägt. Sei es die App für das Auto, über die praktische Dinge möglich sind, die aber auch gemeine Abo-Fallen beinhalten kann. Oder die Bahn-App, Uber, E-Scooter, Airlines & Co., Car Sharing etc. pp. Für jedes davon eine eigene App.
Und selbst unser Leben als Bürger eines Staates gerät langsam aber sicher unter App-Kontrolle – überspitzt formuliert. Die Mühlen der Politik und Behörden mahlen zwar insbesondere in Deutschland langsam, aber bald sollen wir auch unsere Ausweispapiere, allesamt in einer virtuellen Wallet bündeln können. Was an sich ein echter Komfort-Vorteil ist, birgt dennoch eine Vielzahl an Stolperfallen durch komplizierte, proprietäre Bedienung, die weniger technikaffine Menschen außen vor lässt und eigene Sicherheitsrisiken birgt, die nur durch noch kompliziertere Autorisationsmethoden vermeidbar sind. Doch grundsätzlich zähle ich die kommende „D-You“-App zu den erstrebenswerteren.
Die ganze Situation wird dadurch verschärft, dass sehr viele dieser Apps per „Mitteilung“ unsere Aufmerksamkeit einfordern. Ständig bimmelt oder vibriert die Watch oder das iPhone. Sei es, weil jemand an der Hautür vorbei geschlendert ist und die Türkamera Alarm schlägt, oder weil es Zeit zum Aufstehen ist, weil im Kühlschrank die Wurst langsam zur Neige geht oder weil die neueste REWIND auf MTN online gegangen ist (letzteres bitte keinesfalls ignorieren!). Zumindest haben wir hier noch in gewissen Grenzen die Möglichkeit, Mitteilungen zu unterbinden.
Risiken und NebenwirkungenBitte nicht falsch verstehen. Es gibt sie, die wirklich nützlichen Apps, die uns das Leben leichter und angenehmer machen. So kann ich schon heute dank Wallet meine früher stets mitgeführte Lederbrieftasche zuhause lassen. Nur das iPhone ist noch dabei. Und vielleicht der Autoschlüssel (noch) oder mal ein paar Kopfhörer (die oft eine eigene App haben). Aber der Kleingeld- und Plastikkarten-Behälter in der Hosentasche gehört weitgehend der Geschichte an. Und natürlich weiß ich es auch sehr zu schätzen, in wie vielen Situationen das iPhone mir das Leben unterwegs leichter macht.
Doch mit den immer zahlreicher werdenden Apps geht gleichzeitig, obwohl es paradox klingt, Stück für Stück Einfachheit aus unserem Leben verloren. Um ein Extrembeispiel zu nennen: Früher haben wir das Licht einfach an einem Wandschalter beim Betreten des Zimmers eingeschaltet und ausgeschaltet, wenn wir es verließen. Heute soll das über eine App geschehen? Warum? Wo ist da der Gewinn? Aus einem ähnlichen Grund habe ich schon vor vielen Jahren bei Tests früherer Streaming-Komponenten für Audio bemängelt, wenn keine herkömmliche Fernbedienung mitgeliefert wurde. Die Hersteller freute es wohl, auf die zusätzliche kleine Hardware verzichten zu können, was die Kosten senkte. Doch schnell bemerkten und kritisierten die Tester und Nutzer, dass es alles andere als komfortabel ist, zum Verändern der Lautstärke oder zum skippen eines Tracks erst das iPhone in die Hand nehmen, zu entsperren, die App aufzurufen und dort erst die Funktion ausführen zu können. Mit einer klassischen Fernbedienung auf dem Tisch geht das viel einfacher. Heutige Geräte dieser Art werden zum Glück wieder fast ausnahmslos mit einer Fernbedienung geliefert. Es ist eben doch nicht alles besser mit einer App.
Einer der wesentlichsten Gründe, warum die zunehmende App-Flut unser Leben nicht wirklich einfacher macht, liegt in der Fragmentierung. Gemeint ist: Jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen bei der Benutzerführung. Jede App sieht anders aus und muss erst erlernt werden. Man stelle sich vor, für jeden Lichtschalter oder für jede Klospülung müsste man erst mal überlegen oder gar eine Anleitung lesen, wie das hier funktioniert. So ähnlich ist es mit den unendlich vielen Apps.
Natürlich gibt es Überschneidungen und wiederkehrende Elemente. Ein gutes Beispiel hierfür sind die genannten Streaming-Apps für HiFi-Geräte. In jeder einzelnen davon finden sich sehr ähnliche Steuerelemente für die Basisfunktionen. Play, Pause, Skip etc. Die zugehörigen Symbole kennt jeder. Doch alles darüber hinaus ist von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich. Selbst ich, der ich mich täglich mit den Apps verschiedener HiFi-Hersteller auseinandersetze, muss mich immer wieder erst mal orientieren, wenn ich eine App länger nicht benutzt habe oder wenn diese sich durch Weiterentwicklung bzw. Neugestaltung stark gewandelt hat.
Es wird auf absehbare Zeit immer nur noch mehr Apps geben. Und um der Sache noch die Krone aufzusetzen, brauchen wir immer häufiger noch eine App für die App. Nämlich im Falle sogenannten Ident-Apps. Etwa die Ident-App zur Banking-App, oder eine Ident-App zur Krankenkassen-App. Die ist beispielsweise erforderlich, wenn man das E-Rezept nutzen will. Dafür reicht es nämlich nicht, die App der Krankenkasse aufzurufen, bei der man sich ja schon identifiziert hat. Nein, es muss zur Freischaltung eine Extra-Anmeldung erfolgen, welche die Ident-App erfordert UND eine Identifikation per Online-Funktion des Perso – für den man natürlich auch eine App braucht.
Fazit: Kein Ende absehbar?Nach letzter Schätzung finden sich allein im Apple App Store rund 2,75 Millionen Apps. – MILLIONEN!
Zurzeit sehe ich keinen Ausweg aus der drohenden „Ap(p)okalypse“. Ja klar, ich trage hier schon etwas dick auf. Aber ich bin sicher, viele denken inzwischen ähnlich und beginnen zu begreifen, dass immer nur noch mehr Apps unser Leben nicht wirklich einfacher machen.
Die optimale Technologie stelle ich mir eher so vor, dass sie simpler und simpler wird. Nicht umgekehrt, wie aktuell. Vielleicht liegt die Lösung dafür in der KI. Zumindest sehen das wohl viele Hersteller so, die immer mehr auf dieses Pferd setzen. Aber wird Siri tatsächlich irgendwann mal so schlau sein und alle praktischen Gerätschaften – egal von welchem Hersteller – und alle organisatorischen Dinge unseres Alltags ohne großes Zutun regeln können? Und werden wir je in der Lage sein, per Siri-Zuruf ein KFZ Online anzumelden? Vermutlich nie. Zu viele Sicherheitsbedenken stehen dem im Weg.
Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass Technologie und die Kontrolle über sie künftig einfacher statt immer komplexer werden muss. Die App-Flut ist dabei nur ein Aspekt von vielen, die wir dringend in den Griff bekommen müssen.