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Trojaner per Online-Werbung: Verantwortliche Werbefirma agierte sechs Jahre lang ungestört

Gezielte Angriffe auf Regimekritiker, Journalisten und Menschenrechtler sind in der Vergangenheit bereits dokumentiert worden. In der Vergangenheit lief dies über eine persönliche E-Mail oder Nachricht an Zielpersonen. Undokumentierte Sicherheitslücken führten dazu, dass ein Betriebssystem unbemerkt und ohne Nutzerinteraktion („zero-click“) aus der Ferne steuer- und auslesbar gemacht wurde. Kanadischen Forschern des Citizen Lab konnten nun einen Fall nachweisen, bei dem eine vergleichbare Übernahme mittels Browser-Werbung gelang. Das für die Werbung verantwortliche Unternehmen spielte Werbung in verschiedensten Apps aus, auch unter iOS.


„AdFection“ nennen die IT-Forscher des Citizen Lab diese Methode. Das Opfer, welches nachweislich über ein Werbebanner infiziert wurde, ist ein Journalist bei dem katarischen Nachrichtensender „Al Jazeera“. In einem umfangreichen Bericht vollzieht Citizen Lab nach, welche Akteure an den gezielten Angriffen beteiligt sind. Die eigentliche söldnerische Software namens Candiru gehört mittlerweile einem Unternehmen namens Integrity Partners. Die wichtigste Rolle spielt allerdings der Werbevermarkter Discover-Tech.

Infektion via JavaScript
Discover-Tech ist ein 2020 in Israel gegründetes Unternehmen. Bis ins Jahr 2026 war das Unternehmen ein von Google, IAB Europe, Beeswax, Vungle und Eskimi zertifizierter Anbieter von Online-Werbung. Erst nachdem Citizen Lab die Plattformen über ihre Erkenntnisse informiert hatte, sperrten sie deren Zugang zu Werbeplätzen.

Discover-Tech nutzt das komplexe System der Online-Werbevermarktung, um zielgenau Geräte zu kompromittieren. (Quelle: Citizen Lab)

Nachweis unter Windows
Die Infektion lief über JavaScript; der minutiös nachgewiesene Fall betraf den Windows-Rechner eines Al-Jazeera-Journalisten. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass auch andere Systeme infiziert werden können; Discover-Tech buchte ebenfalls Werbung in verschiedensten iOS- und Android-Apps. Allein von März bis Juni 2026 spielte das Unternehmen knapp 4 Mrd. Impressionen aus, unter anderem an Wetter Online, Duolingo sowie verschiedene Dating-Apps. Mittels verschiedenster Identifikatoren lassen sich Anwender identifizieren, orten und über mehrere Geräte hinweg tracken (Fingerprinting).

Abwehr herausfordernd
Das News-Portal netzpolitik.org berichtet, dass es Hinweise auf Akteure in der EU gibt, welche Candiru-Trojaner einsetzen. Ein deutscher EU-Abgeordneter legte 2024 einen (gescheiterten) Versuch offen, seine IT mit dem Candiru-Trojaner zu infizieren. Citizen Lab sieht klare Schwächen im System der Werbevermarkter, da Discover-Tech über viele Jahre hinweg unbemerkt agieren konnte. Behörden und Administratoren rät Citizen Lab deshalb zu besonderer Vorsicht. Apple empfiehlt für Politiker, Prominente und Menschenrechtler den in iOS, iPadOS sowie macOS integrierten Blockierungsmodus, um die Gefahr einer Infektion über unbekannte Sicherheitslücken zu reduzieren.

Kommentare

Dunnikin
Dunnikin20.10.26 09:52
Ich kann es nur wiederholen. Ohne Adblocker und lokaler Filterliste (lokales „Filter-VPN“) sollte man nicht online aktiv sein. Wer dennoch ohne Schutzmaßnahmen online ist, handelt sehr leichtsinnig.
+3
maxbobse
maxbobse20.10.26 09:53
dass ein Betriebssystem unbemerkt und ohne Nutzerinteraktion („zero-click“) aus der Ferne steuer- und auslesbar gemacht wurde

Weil ich das jetzt auch schon ein paar mal auf Mastodon gelesen habe und es mir bisher niemand erklären konnte: was genau wurde denn da steuerbar gemacht im System? Das wird nie in den Artikeln näher erläutert.
+4
rosss20.10.26 09:56
Ich habe noch keine Quelle dazu gefunden, dass es auf iOS oder macOS möglich ist, ohne Nutzerinteraktion einen Trojaner zu installieren.
+2
Frank Drebin
Frank Drebin20.10.26 09:58
Steht auch ausdrücklich im Text, dass es auf Windows wohl gelang. So wie ich es verstehe, ob und falls ja wie es unter iOS oder macOS passiert ist, kann man nicht genau sagen?
+3
massi
massi20.10.26 10:14
Ohne Adblocker und lokaler Filterliste (lokales „Filter-VPN“) sollte man nicht online aktiv sein.
Für Otto-Normalanwender aber ein Buch mit sieben Siegeln und solange sowas nicht standardmäßig eingeschaltet/-gerichtet ist, benutzt Otto das nicht.

Ich würde als Journalist sowieso keinen Windowsrechner benutzen.
+4
macblubb
macblubb20.10.26 10:28
massi
Ohne Adblocker und lokaler Filterliste (lokales „Filter-VPN“) sollte man nicht online aktiv sein.
Für Otto-Normalanwender aber ein Buch mit sieben Siegeln und solange sowas nicht standardmäßig eingeschaltet/-gerichtet ist, benutzt Otto das nicht.
Genau, eine standardmäßige Einrichtung wäre gut. Selbst relativ einfache Lösungen sind zu kompliziert. Und erschwerend kommt vorab noch hinzu, dass erstmal die Notwendigkeit erkannt werden muss.
Don't touch anything and don't go to the toilet!
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Wellenbrett20.10.26 10:29
maxbobse
dass ein Betriebssystem unbemerkt und ohne Nutzerinteraktion („zero-click“) aus der Ferne steuer- und auslesbar gemacht wurde

Weil ich das jetzt auch schon ein paar mal auf Mastodon gelesen habe und es mir bisher niemand erklären konnte: was genau wurde denn da steuerbar gemacht im System? Das wird nie in den Artikeln näher erläutert.
Das ganze System wird remote gesteuert, als würde jemand direkt eingeloggt vor Deinem Rechner sitzen. Das wird in Fachartikeln idR. nicht weiter erläutert, weil es ein bekanntes Konzept ist. Wenn Du Dir im App Store die Beschreibung der Admin-Software "Apple Remote Desktop" ansiehst, bekommst Du einen Eindruck, was dann u.a. mit verbrecherischen Vertretern dieser Software-Kategorie möglich ist.
+1
sudoRinger
sudoRinger20.10.26 10:29
maxbobse
Weil ich das jetzt auch schon ein paar mal auf Mastodon gelesen habe und es mir bisher niemand erklären konnte: was genau wurde denn da steuerbar gemacht im System? Das wird nie in den Artikeln näher erläutert.
Es steht im verlinkten Artikel. Bestätigt ist die Kompromittierung von Windows-Geräten bei Al Jazeera (Link mit Hervorhebung)
Alles weitere ist entweder Datenerfassung (Werbe-ID aber nicht für Werbezwecke) ohne nachgewiesene Folgeschäden oder unbestimmtes Risiko.
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