Mittwoch, 27. März 2013

Skeuomorphismus und Minimalismus

Zwei konkurrierende Design-Philosophien

Skeuomorphismus ist ein Wort, das kompliziert klingt, aber trotzdem vielen Computernutzern wohlbekannt ist; insbesondere solchen, die sich mit dem Design von Software beschäftigen oder der Diskussion folgten, die im Internet allgemein, aber auch speziell auf Apple zugeschnitten, geführt wird.
Skeuomorphismus leitet sich von den griechischen Begriffen Skeuos für Werkzeug und morphê für Form ab. Es beschreibt die Strategie, sich im Software-Design an Gegenständen und Werkzeugen aus der realen Welt zu orientieren, um die Funktionsweise von Programmen oder Systemen zu erklären. Wenn früher etwa der Mauszeiger plötzlich zu einer Sand- oder Armbanduhr mutierte (je nachdem ob man an einem Windows-Rechner oder Macintosh saß), hieß es einen Moment zu warten, ohne dass dafür der Schriftzug "Bitte warten" notwendig wäre.
Der Skeuomorphismus hatte also ursprünglich einen fast didaktischen Wert und wurde wo immer möglich angewendet; allein die Begriffe "Schreibtisch", "Ordner" und "Papierkorb", die einen wesentlichen Bestandteil jedes graphischen Betriebssystems ausmachen, zeigen dies sehr deutlich. Der gesamte Fortschritt des graphischen Betriebssystems zu vorherigen, textbasierten Systemen erschöpft sich gerade in diesem Konzept.
Die Eingewöhnungsphase digitaler Medien ist nun langsam vorbei und es formiert sich ein Gegentrend, der Minimalismus. Mit dem Ziel eines möglichst schnellen Überblicks für den Benutzer soll hier auf jeglichen Schnörkel sowie jede Hommage an Gegenstände aus der realen Welt verzichtet werden. Unter dem Motto "weniger ist mehr" wird der Fokus einer Anwendung auf das eigentlich Wichtige gelenkt.

Innerhalb der Führungsetage von Apple wurden zwei Männer zu Exponenten dieser beiden Design-Richtungen stilisiert. Scott Forstall, der Verantwortliche für die mobilen Geräte und insbesondere das mobile Betriebssystem iOS, wurde zum Verfechter des Skeuomorphismus erklärt und Jonathan Ive, Chefdesigner im Hardware-Bereich, zu seinem Counterpart und Befürworter des Minimalismus. Es war kein Geheimnis, dass sich Forstall und Ive nicht leiden konnten, also war es ein Leichtes, auch in diesem Bereich eine Konfliktlinie dieser beiden Charaktere zu sehen.
Im vergangenen Herbst musste Forstall das Unternehmen verlassen und Ives Zuständigkeit wurde erweitert: Neben dem Hardware-Design übernahm er nun auch die Verantwortung für das Software-Design; ein Sieg des Minimalismus bei Apple?

Das Update der App "Podcast" Ende März 2013 ist für viele ein erstes sichtbares Zeichen der neuen Zuständigkeit. Denn das Tonband-Design, das als Hintergrund in der "Sie hören"-Ansicht fungierte und einige Einstellknöpfe in sich integrierte, ist verschwunden. Ersetzt wurde es durch die eine nüchterne Balkenansicht mit denselben Knöpfen und Funktionen. Kommentiert wurde dieser Änderung offiziell mit den Worten "Das neue Design der Ansicht „Sie hören“ weist benutzerfreundlichere Tasten für die Wiedergabe auf". Das spricht eine deutliche Sprache.

Was sind nun die Argumente für schlichtere Oberflächen und gegen Skeuomorphismus, nebst persönlicher Geschmäcker?

  • Oftmals wird davon gesprochen, dass spezifisch bei Apple eine Harmonisierung von Hardware- und Software-Design vonnöten wäre. Denn das Äußere der Hardware, für das Apple so sehr und so oft gelobt wurde und das seit Jahren unter Regie von Ive stand, verzichtet auf große Verzierungen. Das iPad beispielsweise sieht bei deaktiviertem Bildschirm aus wie ein schlichter Rahmen: keine Klappen, keine Vertiefungen, keine Linien ohne konkreten Nutzen, kaum Beschriftung, kaum Knöpfe und Anschlüsse. Software-Design mit haufenweise Spielereien, hübsch aber unnötig, würde dazu nicht passen.
    Andere sind der genau gegenteiligen Meinung: Minimalistische Hardware erlaube einem Gerät, durch skeuomorphe Software geradezu zu dem dargestellten Objekt zu mutieren, etwa zu einem Bücherregal, sobald man iBooks öffnet.
  • Einige Anwender empfinden buntes und anschauliches Design als unseriös, da es oftmals einige tiefergehende Funktionen verstecke. Häufiger Kritik wegen überbordender Grafik war beispielsweise Game Center für iOS ausgesetzt. Die App, die die Erfolge in verschiedenen Spielen für iPhone und iPad unter einer Apple ID zusammenstellt und vergleichbar mit den Ergebnissen anderer macht, ist optisch wie ein Kasinotisch aufgebaut.
  • Die ursprüngliche Intention, durch Anlehnung an reale Objekte die Bedienung oder Funktion einer Software zu erklären, werde manchesmal ad absurdum geführt, wenn die Software dann eben nicht so funktioniere wie das abgebildete Objekt. Konkretes Beispiel hier wäre das Adressbuch, das zwar aussieht wie ein aufgeschlagenes Buch, sich aber nicht umblättern, dafür herunterscrollen lässt.
  • Oftmals wird auch bemängelt, dass einige der abgebildeten Objekte von den Computernutzern von heute gar nicht mehr gekannt werden. Wer benutzt an seinem echten Schreibtisch noch die Art von Ordnern, die auf dem Computerdesktop herumliegen oder wer erkannte in dem Tonband der alten Podcast-App den Braun TG 60?



Bedeutet das das Ende des Skeuomorphismus?
Eine Abkehr vom Skeuomorphismus muss nicht gleich bedeuten, dass das Gegenteil zur Maxime erhoben wird. Denn auch mit minimalistischen Apps wie etwa dem Listenersteller Clear oder der Wetter-App Sun (siehe Bilder) werden einige Nutzer Schwierigkeiten haben. Pur, nackt und "sauber" ist eben nicht für alle auch gleich besser.

Streng genommen sind nämlich schon Schattenwürfe von Finder-Fenstern skeuomorph, ebenso Knöpfe mit Oberflächenstrukturen und die Spiegelungen im Dock. Auch das Design des Rechners und des Nummernpads in der Telefon-App des iPhone sind eindeutig dem Prinzip der Selbsterklärung durch Rückgriff auf bekannte Objekte geschuldet und funktionieren auch so. Gleiches gilt für viele Icons, etwa dem Briefumschlag der Mail-App, dem Paket für komprimierte Dateien, der Festplatte für Volumes und der berühmte Papierkorb. Diese Elemente werden wohl kaum durch rein technische Darstellungen ersetzt.

Eine schnelle und tiefgreifende Änderung der kommenden iOS-Version 7 wird auch vom Wall Street Journal nicht erwartet. Der Trend zu mehr Schlichtheit könnte eher die Design-Merkmale betreffen, die rein ästhetisch gedacht sind und nicht die Bedienerfreundlichkeit fördern. Ein konkretes Beispiel wäre der Ledereinband von iCal - die Aufmachung von iCal in Anlehnung an einen echten Kalender wird dagegen wohl eher bleiben. Auch die abgerissenen Seiten des Notizblocks oder das große Bild eines Aufnahmemikrofons in der Sprachmemo-App könnten dem Minimalismus zum Opfer fallen. Nach dem Vorbild der Entwicklung des Icons von Adobe Photoshop hin zu minimalistischem Design könnte es außerdem Symbole wie das von iPhoto mit der großen Sonnenblume oder das von Mail mit der Adler-Briefmarke treffen.


Befürworter und Gegner des Skeuomorphismus und des Minimalismus treten im Netz mit teils harten Bandagen gegeneinander an. Eine Mischung aus beiden Konzepten, der Maxime der Benutzerfreundlichkeit untergeordnet, könnte der Weg des künftigen Software-Designs werden. Schon heute zeigen bekannte Apple-Programme wie die Nachrichten-App und die Kontakte-App für iOS sowie Mail und Safari für den Mac, wie Programme ohne überbordenden Skeuomorphismus und trotzdem nicht vollkommen auf Grafik verzichtend aussehen könnten.

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